Jeden Dienstag mache ich mich auf den Weg zu den Sternen.
Zumindest in einem Malkurs mit dem Titel Sternstunden.

Hast du schon einmal bewusst dem Pinsel in deiner Hand das Malen überlassen?


Als ich mich zu einem Kurs mit dem Titel „Point Zero Painting“ angemeldet habe, kam das aus einem inneren Wunsch heraus: doch einfach nur einmal malen zu können. Nichts tun zu müssen dabei. Also nur malen. Den ganzen Tag. Intuitiv drauflos.


Meine Autokorrektur machte daraus allerdings: Point to Painting.



Vom Nullpunkt zum Zeigepunkt.

Vielleicht braucht es manchmal genau diesen einen Punkt in uns, der sagt: Jetzt.

Wie oft habe ich mich in der Vergangenheit darüber aufgeregt oder mich selbst kritisiert, weil das Bild nicht schön war, die Perspektive nicht stimmte und die Proportionen unpassend erschienen.

Eine Woche malen – oh wie schön. Und in meiner Vorstellung auch überhaupt nicht anstrengend.


In meiner Vorstellung!!!
Vorstellung.
Vor-Stellung.



Also das, was ich davor stelle. Aber eigentlich: vor was?

Was habe ich wovor gestellt und warum? Oder hinter welcher Stellung habe ich mich versteckt? Oder eher: Welche Stellung nehme ich eigentlich gerade ein?

Den herabschauenden Hund.
Das Kind.
Die Betrübte, weil es gerade nötig zu sein scheint.

Welche Verbiegung geht der Stellung voraus? Und wo stehe ich gerade, an welcher Stelle in meinem Leben? Wohin zeigt mein Weg, wohin schaue ich, welche Abzweigung liegt vor mir? Und stehe ich eigentlich an erster oder letzter Stelle in meinem eigenen Leben?

Wer ist „Ich“ und wo steht das eigentlich?

Meine Füße erkenne ich jedenfalls, wenn ich meinen Blick senke und an meinen Beinen hinunter schaue. Da sind sie.

Schuhgröße 39,5.
Ja, ,5. Ich möchte ja nicht zum Durchschnitt der normalen Frau gehören. Aber 40? Oh nein, das wäre dann doch etwas groß.

Diese Erfahrung mache ich immer: Die 39 passt wie angegossen, auch wenn vielleicht nur ein wenig Spielraum bleibt. Eine Nummer größer hat zwar deutlich mehr Platz, aber aussehen tut es für mich nicht so, wie es soll. Der Fuß wirkt dann zu groß.

Andere Probleme habe ich kaum.

Und seit ich mit fast 43 den Entschluss gefasst habe, dass Einlegesohlen genau das ausgleichen, was sich zu groß anfühlt, aber dann das richtige Fußgefühl bewirken, kann ich auch die bittere Pille des „zu großen Fußes“ ertragen.

Man wird ja auch älter. Und in meinem Alter geht so langsam die Bequemlichkeit vor.

Im Alltag sind mir manchmal die liebsten Schuhe die Clogs: schnell rein, schnell raus. Und seit der Trend gewechselt hat, sind sie auch noch cool, sodass sie sogar gehen, wenn es regnet oder kalt ist.


Was will ich denn auch mit unpraktischen Schuhen?

Diese Spezies gibt es nämlich auch, und da möchte ich ein klares Veto einlegen. Schließlich sind sowohl Valentinos als auch Louboutins mit zehn Zentimetern Absatz einfach nur schön anzuschauen – und bei Gelegenheit zu tragen.

Aber ich schweife ab. Obwohl es mir ein Leichtes wäre, meine Schuhsammlung hier einzeln – also im Doppelpack – vorzustellen.

Auf einem Bein kann man ja bekanntlich schlecht stehen, und auf zwei Beinen steht es sich besser. Dass dazu ein Paar Schuhe gehört, versteht sich von selbst.

Ein Paar.

Der linke Schuh hat schließlich eine Beziehung zum rechten Schuh. Fast wie eine Ehe. Sie beziehen sich aufeinander.

Erfüllen Schuhe eigentlich das gesellschaftliche Bild einer Partnerschaft?

Der eine sieht ohne den anderen aus wie ein verlorener Tropf. Wer verschiedene Schuhe trägt, wird kritisch beäugt. Gemeinsam in eine Richtung müssen die beiden auch immer laufen.

Ärgern sich Schuhe eigentlich darüber, dass sie immer einen Schritt vor den anderen machen müssen? Fühlen sie sich in ihrer Freiheit beschränkt, weil sie ausnahmslos auf den anderen angewiesen sind? Und dazu noch abhängig von demjenigen, der sie aus dem Schrank holt – oder eben nicht?

Wollen Schuhe überhaupt getragen werden? Oder hat ein französischer High Heel vielleicht gar keine Lust darauf, mit seinem spitzen Absatz über Kopfsteinpflaster geführt zu werden?

Verstehen sich Schuhe eigentlich untereinander, wenn sie sich zufällig treffen? Also funkt es bei denen auch? Verlieben sie sich Hals über Kopf?

Der Turnschuh in den Sneaker. Zwei vom selben Schlag und doch verschieden.

Und was, wenn der eine einfach weitergeht und es nur eine kurze Liaison war?

Der Sonntagsschuh mit der Gartenschlappe.
Die Gummistiefel mit den Ballerinas.
Der Wanderschuh mit den Pumps.

Kurz getroffen, Spaß an der Unterschiedlichkeit gehabt – und dann schmerzhaft getrennt, weil die Person, die oben darin steckte, das Weite gesucht hat.

Begegnungen im echten Leben.

Aber was ist mit dem Online-Ding? In der Regel sieht man die Schuhe nicht. Das ist wie eine Mogelpackung.

Denn stell dir einmal vor: Da kommt ein hochattraktiver Mann in – Barfußschuhen. Sie hübsch, gepflegt und adrett gekleidet – und bei ihm hört es dann ganz unten bei den Schuhen auf.

Individualisten und so …

Dann lieber ganz ohne. Richtig rebellisch.

Wobei Birkenstock-Sandalen im Winter – und das durchgängig – schon auch eine Herausforderung sind.
Vor allem, wenn man das dazugehörige „Oben“ als Teenager in der Schule ernst nehmen soll. Das funktioniert nur so semi, kann ich aus eigener Erfahrung sagen.

Die Buffalos an meinen Füßen haben die armen Riemchensandalen damals schon sehr gemobbt und ausgelacht. Auch wenn die in der Jahreszeit verirrten Latschen wirklich gar nichts dafür konnten.

Ob das einvernehmlich war? Wer weiß.

Sie können sich ja nicht wehren – die Schuhe. Nicht gegen Schweißfüße, nicht gegen Auslatschen, nicht gegen unpassende Füße.

Da lobe ich mir doch den Sommer. Denn in der Regel sind zumindest die Füße der Frauen manikürt. Bei vielen anderen wünscht sich auch der Schuh wieder Winter.

Ob der Schuh weiß, dass er unten ist. Schließlich gibt es das „unten“ genauso wenig wie das Thema mit der Zeit.

Ich sehe Fragezeichen und verdutzte Gesichter …


Ist ein Schuh am Südpol jetzt oben oder unten? Ich könnte auch versuchen, einen Australier davon zu überzeugen, dass sein Himmel unter ihm ist – auch wenn er längst davon überzeugt ist, dass er nach oben schaut.

Bei denen ist ja sowieso alles anders herum.

Sommer, Winter.
Links, rechts.
Alles anders.

Nur die Schuhe an den Füßen der Menschen. Die laufen auch vorwärts – immer schön im Gleichschritt und als einheitliches Paar in eine Richtung.

Welche Gedanken man sich so macht, wenn man doch eigentlich nur malen möchte. Mit dem Pinsel in der Hand.

Und wenn ich mich anstrenge, gelingt es mir vielleicht, auf den linken Schuh den gleichen Klecks zu malen wie den Klecks, den die Farbe an meinem Pinsel vor lauter Denken auf meinen rechten Schuh getropft hat.

Oder …



ich riskiere aufzufallen.

Weil ich ab jetzt mit zwei verschiedenen Schuhen durch die Welt laufe. Einer befleckt, einer unschuldig.


Aufmerksamkeit kann man auch genießen.

Vielleicht ist das der Moment, in dem die Vorstellung endet und das Leben beginnt. Ein Klecks Freiheit auf dem rechten Schuh. Aufmerksam, ungeplant und ziemlich echt.