„There is a crack in everything where the light goes in…“
– ob sich das Küken das auch fragt?
„Mama, wenn man stirbt sieht man doch ein helles Licht, und wenn man geboren wird doch auch. Ist dann geboren werden und sterben genau das gleiche?“
Guten Morgen… auf diese Frage morgens um halb acht war ich nicht vorbereitet.
Und gleich kommt mir der nächste Gedanke in den Sinn… sind wir eigentlich vorbereitet, wenn wir uns selbst auf den Weg in das Leben machen? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Küken, das irgendwann dem Impuls folgen muss, die Eierschale aufzupicken, und uns?
Für mich als Mensch fühlt es sich eher so an, als würde ich vom Leben geschickt, denn wirklich etwas tun kann ich im Mutterleib ja auch nicht. Natürlich werde ich irgendwann zu groß für diese Umgebung. Aber ist es nicht der Körper der Mutter, der das Signal gibt: jetzt aber raus hier? Oder ist es das Leben selbst?
Oder vielleicht – ganz sicher – beides… oder das „Ich bin“.
Vielleicht wollen wir gar nicht aus dem Paradies geworfen werden. Vielleicht wehren wir uns schon in dem Moment davor, in die Wirklichkeit einzutreten und uns der Kälte des Seins auszusetzen.
Aber Leben gelingt nur in Trennung. Darin stimme ich meinem Ausbilder Wilfried Nelles zu.
Würden wir im Paradies bleiben, würden wir sterben. Das Leben sieht Übergänge vor. Immer wieder. Von der Geburt in die Welt. Von der Kindheit in die Jugend.
„Mama, ich habe meine Tage bekommen, was soll ich machen?“
Ich merke, wie es mir jetzt genau so die Tränen in die Augen schießen lässt wie damals. Mein kleines Mädchen war kein Mädchen mehr. Und auch da war ich nicht darauf vorbereitet.
Das Kind ist kein Kind mehr und ich hätte es gerne noch behalten. Ich hätte sie gerne noch bewahrt, sie beschützt, vielleicht sogar gerettet – vor dem Leben selbst.
Aber ich konnte nichts mehr verändern. Gar nichts mehr. Verhindern konnte ich es auch nicht. Ebenso wenig, wie ich sie davor bewahren konnte.
Vielleicht liegt genau darin ein Geschenk.
Das Geschenk einer Erkenntnis, die nur eine Tochter ihrer Mutter machen kann – wenn diese bereit dafür ist.
Ist das Küken darauf vorbereitet, oder folgt es nur seinem Überlebenstrieb? Und wo ist eigentlich der Unterschied zwischen dem Küken und dem Menschen? Wenn doch ein Tier in dem Sinne kein Bewusstsein hat und sich das Bewusstsein eines Kindes auch erst entwickeln muss… ab welchem Zeitpunkt entwickelt sich dieses Bewusstsein eigentlich weiter – und warum?
Was ist der wesentliche Unterschied zwischen Tier und Mensch? Wo nimmt die menschliche Entwicklung ihre entscheidende Abzweigung? Und in welche Richtung?
Auch lustig, dass das Wort ursprünglich einmal „Intwicklung“ hieß. Intwickeln wir uns erst, weil wir von der Sippe gezeigt bekommen, wie Leben funktioniert, um uns später wieder zu ent-wickeln?
Also erst einwickeln lassen, um uns dann zu entwickeln… und im besten Falle das Bewusstsein… Schicht um Schicht.
Eine Umdrehung durch Entdrehen um das eigene Selbst.
Aber was ist das eigentlich – das Selbst?
Ist das Selbst nicht der, die, das, was einfach nur den Raum hält für ein „Ich bin“?
Müssen wir diesen Umweg über das Außen nehmen, um irgendwann bei uns selbst anzukommen? Und ist das wirkliche Sein am Ende vielleicht einfach nur: im Jetzt zu sein, so wie wir sind?
Ausgewickelt bis zu dem Punkt, an dem wir im Hier und Jetzt stehen… also im Jetzt.
Und was macht das Küken?
Es lebt, ohne dass ihm bewusst ist, dass es lebt und irgendwann sterben muss. Es ist einfach im Jetzt. Und es ist egal, ob es weiße, braune oder schwarze Federn bekommt und ob es aus einem weißen, braunen, beigen oder grünen Ei geschlüpft ist.
Es ist einfach… ein Küken, das als Küken geboren wurde und nicht als Huhn oder Hahn.
Und ich bin ein Mensch, der darüber nachdenkt und darüber schreibt. Nicht, um einen perfekten Text zu liefern, sondern um als Mensch anderen Menschen zu begegnen.
Und sie können darauf reagieren mit allem, was das Menschsein so mit sich bringt: mit Verständnis oder Missverständnis, mit Projektion, mit Berührung, mit Zustimmung oder Ablehnung.
Alles gehört dazu.
Denn der Riss ist schon da.
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