Ich habe mich einmal übernommen – und das in einem völlig unspektakulären Zusammenhang.

Ich war mal der Meinung, dass es gerade an der Zeit für eine neue Herausforderung ist
und ich ein einfarbiges Puzzle puzzeln sollte. Die Wahl fiel auf die Farbe Schwarz, denn Weiß oder Pink wäre ja zu einfach gewesen. Auch wenn diese Varianten auch einfach nur eine Farbe gehabt hätten.

Meine Ungeduld forderte mich schon beim Warten auf den Postboten, der mir meine neue, vom Ego sorgfältig eingefädelte Idee – ein kleiner Ego-Trip – doch hoffentlich zeitnah, also am besten gestern liefern sollte. Kam schnell – und trotzdem musste ich viel zu lange warten.

Endlich.

Mit einer gehörigen Portion Motivation, einer riesigen Portion Selbstüberschätzung und Stolz über meinen jetzt schon übermäßigen Mut, öffnete ich den Deckel der Schachtel und holte die Plastiktüte mit den Teilen heraus. Immer noch voller Vorfreude und Enthusiasmus riss ich die Packung auf und entleerte den Inhalt in die Unterseite der Schachtel.

Vorher fiel mir noch ein weißer Zettel mit der Abbildung der einzelnen Teile in die Hände.
Pah, dachte ich – was soll das denn? Ich brauche das nicht. Schließlich habe ich genug Erfahrung und natürlich schaffe ich das auch ganz ohne.

Der erste Schritt besteht ja sowieso darin, die Randteile rauszusuchen.

Gesagt, getan.

Ist ja auch nicht schwer – schließlich ist, bis auf vier Ausnahmen, die Seite eines Randstückes immer gerade. Den kleinen Dämpfer darüber, dass auch das etwas herausfordernder war als bei den Puzzles vorher, habe ich mal schnell beiseitegeschoben. Schließlich war das Motivationsbarometer noch bis oben hin gefüllt – und mein Größenwahn-Projekt schließlich noch ganz am Anfang.

Was habe ich mich gefreut. Rand gefunden, Eckstücke auch – also los.

Und schön das Gefühl unterdrücken, dass schon das anstrengend war. Denn der einzige Anhaltspunkt ist die Form. Alles andere ist ja was…? Genau: schwarz.

Schnell noch den Regler der Stimme, die schon anfängt zu plappern… runtergedreht und gut ist’s.

Ist denn jetzt schon Zeit, ein Lied zu trällern?

Ach, was bin ich fröhlich, so fröhlich, so fröhlich,
so ausgesprochen fröhlich –

so fröhlich war ich nieeeeeeeeeeeeeeeeeee…

Hin schieben, her schieben, versuchen, sich auf die Form zu konzentrieren.

Nein, die Anleitung brauche ich nicht. Auf gar keinen Fall. Ich schaffe das schon. Ich muss mich nur genug anstrengen.

Oh.

Einen Gang zurückschalten. Eine neue Erfahrung.

Langsamer machen. Das lässt sich nicht abreißen und auch nicht „auf der linken Arschbacke absitzen“.

Ein erstes Gefühl von: Och nö. Macht sich breit.

Auf diese Anstrengung habe ich jetzt so gar keine Lust. Es war doch bis jetzt immer so hilfreich beim Gedanken sortieren. Das Puzzeln also meine Form der Meditation.

Ich muss ja auch nicht.

Ich darf.

Und ich habe die Entscheidung dazu selbst getroffen.

Also: Du Teil der Ungeduld – stell dich hinten zu dem Missmut und gründet eine Selbsterfahrungsgruppe.

Für heute ist Schluss.

Mein Kopf hat genug.

Morgen geht es weiter.

5 Uhr. Mein Wecker klingelt.

Ja – um zu puzzeln.

Die einen meditieren auf einem Kissen, ich will puzzeln.
Und das tue ich auch.
Schließlich gehöre ich jetzt auch zum 5-Uhr-Club dazu.

Noch motiviert und heute Morgen auch so ausgeschlafen, wie man um fünf eben sein kann, ist das überhaupt nicht so schwer.

Also leise aufstehen, damit der Schweinehund noch etwas weiter schlafen kann.

Pssst… nicht so laut.

Nicht, dass am zweiten Tag schon der Faulpelz wach wird und die eigenen Pläne durchkreuzt.

Also auf, auf – schließlich wartet der Kaffeeautomat darauf, das passende Getränk zu produzieren.

Im Puzzle-Zimmer, das in den Plänen als Büro aufgelistet ist, liegt es. Seit gestern unberührt, einfach auf dem Tisch.

Die Teile der Umrandung in Reih und Glied, vorsortiert und bereit, an die richtige Stelle gebracht zu werden – und der Rest wartet in einem Haufen schwarz-blauer Teile in der Schachtel.

Noch läuft alles nach Plan.

Tisch. Puzzle. Sitzkissen.

Das richtige Licht. Ruhe. Motivation.

Schon sitze ich auf dem Kissen und schaue mir die Teile an, die vor mir auf dem Tisch liegen.

Nächster Schritt: alle Teile richtig herum legen. Die blaue Seite nach unten, die schwarze nach oben. Kleine Erfolge feiern. Und das an einem mittlerweile gut gefüllten Tisch.

Schauen. Trinken. Atmen.

chauen. Trinken. Atmen.

Schauen. Trinken. Atmen.

Jetzt aber mal Konzentration.

Gut, gut – auf, auf: schauen, finden, erkennen.

Schauen.
Finden.
Erkennen.

Schauen, finden…
kombinieren.

Was ist denn heute los?

Es ist doch ganz einfach.

Schauen, finden, erkennen, kombinieren.

Kombinieren, erkennen, schauen, finden.

Finden, schauen, kombinieren, erkennen.

Kombinieren, schauen, erkennen, finden…

So geht das doch.

Jetzt mal langsam.

Erst mal trinken und atmen.

Nochmal trinken und atmen.

Und dann schauen.
Trinken. Atmen. Schauen. Und dann…

Aaah – da passen zwei zusammen.

Das ist es.

Darauf kommt es an.

Etwas geschafft und richtig kombiniert zu haben.

Herrlich.

Genau deshalb mache ich das alles.

Für diesen Moment.

Den Moment, in dem ich – wenn ich mich nur richtig an die Reihenfolge halte –

etwas zusammenfüge.

Ein Schritt nach dem anderen.

So wird das was.

Eins nach dem anderen.

Am dritten Tag –

oder war es der vierte? –

stand ich wieder vor dem Tisch.

Nicht aus Motivation.

Nicht aus Ehrgeiz.

Eher so… aus Gewohnheit.

Wie man halt manchmal in den Kühlschrank schaut,
obwohl man genau weiß, dass nichts Neues drin ist.

Da lag es also.

Mein schwarzes Meisterwerk.

Oder besser gesagt: mein sehr ambitionierter Haufen Pappe.

Ich setzte mich.

Schaute.

Nahm ein Teil.

Drehte es.

Legte es wieder hin.

Trinken.

Atmen.

Zweifeln.

Heute war es stiller im Kopf.

Die große Motivation war weg.

Die Ungeduld auch.

Selbst der Missmut hatte sich irgendwie verzogen.

Übrig blieb…

Realismus.

Ein ungewohntes Gefühl.

Ich nahm zwei Teile.

Probierte.

Passt nicht.

Ich nahm zwei andere.

Probierte.

Passt auch nicht.

Ich nahm wieder die ersten beiden.

Probierte nochmal.

Passt immer noch nicht.

Gut zu wissen.

Ein kurzer Blick auf den Rand.

Der immerhin noch so aussah, als hätte ich einen Plan gehabt.

Hatte ich ja auch.

Gestern.

Oder vorgestern.

Ich lehnte mich zurück.

Und plötzlich war da dieser Gedanke – ganz leise, ganz unspektakulär:

Ich muss das gar nicht fertig machen.

Ich ließ den Gedanken kurz liegen.

Dann nahm ich ihn nochmal auf.
Drehte ihn.

Von allen Seiten.

Und siehe da:

Der passte.

Nicht ins Puzzle.

Aber in mich.

Ich muss das nicht fertig machen.

Ich darf aufhören.

Einfach so.

Ohne Drama.

Ohne Niederlage.

Nur… aufhören.

Ich schaute nochmal auf das Chaos vor mir.

Und genau in diesem Moment
blitzte er mich an.

Der weiße Zettel.

Ganz unten in der Schachtel, leicht geknickt,

so, als hätte er die letzten Tage beleidigt geschwiegen.

Ich zog ihn heraus.

Drehte ihn.

Schaute drauf.

Ein paar Linien.

Ein paar Formen.

Eine… Orientierung.

So einfach.

So… hilfreich.

Ich musste lachen.

Leise.

Ein bisschen über mich.

Ein bisschen mit mir.

„Na du“, sagte ich,
„jetzt kommst du also doch noch ins Spiel.“

Ich hielt ihn einen Moment länger in der Hand.

Nicht, weil ich ihn jetzt brauchte.

Sondern weil ich verstand,

dass ich ihn die ganze Zeit hätte benutzen dürfen.

Ohne dass es weniger wert gewesen wäre.

Ich legte ihn wieder zurück.

Nicht aus Stolz.

Sondern aus Klarheit.

Das war eine interessante Idee.

Mehr nicht.

Ein Versuch war’s wert.

Ich fing an, die Teile zurück in die Tüte zu sortieren.

Langsam.

Ohne Hast.

Fast schon… respektvoll.

„War nett mit dir“, murmelte ich leise.

„Aber wir zwei… das wird nichts.“

Deckel drauf.

Fertig.

Und dann passierte etwas Merkwürdiges:
Ich fühlte mich nicht wie jemand, der aufgegeben hat.

Ich fühlte mich wie jemand, der entschieden hat.

Ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Ich stand auf.

Streckte mich.

Ging Richtung Küche.

Kaffee. Natürlich.

Und während die Maschine vor sich hin brummte, musste ich grinsen.

Weil mir plötzlich noch ein, zwei ähnliche Situationen einfielen.

Dieser eine Fitnessplan.

Du weißt schon.

Oder das Buch, das ich „unbedingt lesen“ wollte.

Seit zwei Jahren.

Oder dieser Versuch, plötzlich ein Mensch zu werden,
der morgens joggen geht.

Spoiler:

Ich bin immer noch eher Team Kaffee.

Und das ist… völlig okay.

Und manchmal ist das Klügste, was man tun kann:

Aufhören ist auch eine Form von Können.

Nicht alles, was man anfängt, muss man beenden.

Manches darf einfach ein Versuch bleiben.

Ein Experiment.

Und manchmal ist das Klügste, was man tun kann:
Den Deckel drauf machen.
Und weitergehen.

Ohne schlechtes Gewissen.

Nur mit einer kleinen Geschichte mehr,

über die man irgendwann schmunzeln kann.

Und irgendwo, ganz hinten im Schrank,

liegt jetzt ein schwarzes Puzzle

und ein leicht zerknitterter weißer Zettel

und denken sich wahrscheinlich:

„Wir hätten’s dir auch früher gesagt.“