Verschlafen schäle ich mich aus dem Bett, raus aus dem Schlafanzug und rein in meinen heißgeliebten Onesie.

Ein bisschen klein fühlen, in einem Strampler für Große.
Bequem ist das Ding, und ich fühle mich darin pudelwohl.

Der Hund steht schon an der Tür und freut sich. Noch muss er sich einen Moment gedulden, denn ich muss erst noch die Gummistiefel finden. Was weiß ich denn, an welcher Tür ich sie ausgezogen habe. Zu viel fürs Gehirn am Morgen und zu viel Konfrontation mit der eigenen Unorganisiertheit.

Gefunden, reingeschlüpft … und los gehts.

Durch das Türchen mit der Aufschrift „zum Strand“. Erst ein paar Meter durch ein Wäldchen, vorbei an einer Koppel und dann über die Düne. Keine fünf Minuten, und ich bin am Meer.

Der Moment, in dem ich den Fuß auf den Sand der Düne setze, innerlich voller Vorfreude.
Denn noch kann ich es nicht sehen: das Meer.

Noch bin ich damit beschäftigt, die kleine Mini-Anstrengung durch den weichen Sand zu gehen. Er verlangsamt meine Schritte ganz automatisch. Da fällt mir auf: Ich werde langsamer. Gebremst vom weichen Sand – und irgendwie ist das schön. Langsamer werden.

Die oberste Schicht des Sandes ist von der Nacht noch feucht und nicht rieselig. Die Pfoten unseres Hundes hinterlassen deutliche Spuren. Groß sehen sie aus, und ich muss an einen Moment meiner Kindheit denken. Wenn ich solche großen Fußspuren gesehen habe, musste ich immer überlegen, ob dort nicht vielleicht ein Bär vorbeigegangen ist und diese hinterlassen hat. In meiner Vorstellung konnte kein Hund solche großen Füße haben.


Mein Blick schwenkt von unten nach oben, und da ist es: das heiß geliebte Wattenmeer.

Ebbe. Gedämpftes Licht. Nebel, der die Geräusche der Vögel fast schon verschluckt. Weniger Weite als sonst.

Und doch bleibt mein Blick fast zeitgleich an den Krähen hängen, die an einem verendeten Tier herumhacken.

Skurril, beides gleichzeitig: einatmen. Luft anhalten – durch den schonungslosen Anblick der Endlichkeit. Und ausatmen: Weite.

Der Hund ist unterdessen schon auf dem Weg zum Wasser – oder zumindest zu dem, was davon übrig geblieben ist.

Ich liebe den Anblick, 
den das Wasser übrig lässt, 
wenn es sich zurückgezogen hat.

Es sieht schön aus. Wie die Wellen selbst – eine Kopie der Oberfläche auf dem Boden 
und Wasserflächen, die wie Spiegel aussehen.

Der Hund rennt von hinten im Galopp an mir vorbei und bringt mich zurück in die Gegenwart.

Es gibt einen Bereich, in dem man angenehm laufen kann, da der Sand entsprechend verdichtet ist. Mein Blick senkt sich konzentriert auf meine Füße.

Denn Anstrengung 
kann und will ich gerade nicht wirklich gebrauchen.

Einfach da sein, in dem Moment. Einen Fuß vor den nächsten setzen.
Genau hier, wo es einfach ist zu gehen.


Angenehm ist es heute mit mir selbst. Die Affen in meinem Kopf scheinen auch noch müde zu sein, und ein Teil davon sitzt immer noch – wie die Makaken in Japan – in einem Hot Pot und entspannt.

Der Geist gibt Ruhe. Der Kopf ist still. Und ich bin.

Dieser Abstand. 
Dieser innere Abstand zu meinem inneren Hysteriker.


Ja, der Hysteriker – nicht die Hysterikerin.
Bei mir ist es ein „Er“, der mich versucht, in den Wahnsinn zu treiben.

Wie gut es doch tut, mittlerweile den nötigen Raum zu haben und ihm die Hand reichen zu können, falls er mal wieder zu viel Zucker zu sich genommen hat, über der Zeit ist – wie ein Kleinkind, das eigentlich ins Bett müsste und völlig überdreht ist.

Ihm freundlich „Hallo“ sagen zu können.
„Ach, du bist es. Komm an meine Hand. Wird gleich wieder einfacher mit uns beiden.“


Zeitgleich liefert mir die Umgebung exakt das passende Bild zu diesem Zustand des Ich bin.

Da ist sie.

Eine Ente in einem Rest von Wasser, das sich in einer kleinen Senke gesammelt hat und nicht ganz mitkonnte – mit dem großen Ganzen,
dem Meer.

Etwas Eigenes und doch gehört es dazu. Nur darauf wartend, dass der Rest des Wassers zurückkommt und es wieder in sich aufnimmt.

Wasser zu Wasser.



Nur kurz getrennt vom großen Ganzen – dem Ozean.

Und darin ein einzelner Vogel. Sitzend. Still.
Ebenso wartend – oder einfach nur seiend.

Ich möchte ihn festhalten, diesen Moment der Vollkommenheit. Eingebettet in das große Ganze. Ein Moment der Einfachheit. Unspektakulär.


Die Ente. Das Wasser.
Nichts rührt sich.



Außen herum läuft alles weiter: Möwengeschrei, Menschen, die vorbeilaufen, ein Hund, der bellt.



Und sie sitzt da. Im Spiegel ihrer selbst.

Unten wird zu oben. Oben wird zu unten. Es macht keinen Unterschied. Denn sie sitzt da, und der Moment wird durch das bisschen ruhige Wasser exakt gespiegelt.

Einfach so. 
Weil es ist, wie es ist.

Wir suchen nach den Momenten. Wollen sie machen. Und werden von uns selbst davon abgehalten, weil wir mit uns selbst beschäftigt sind …


– Wir werden von uns selbst abgehalten, 
weil wir mit uns selbst beschäftigt sind –

Das Selbst hält das Selbst ab.

Und wie passt das damit zusammen, dass wir alle bestrebt sind, wir selbst zu sein oder zu werden?


Die Ente ist sie selbst – genau in dem Moment.

Ich hätte ihn so gerne festgehalten, diesen Augenblick, dieses Stillleben, die Ente im Wasser. Im Spiegel, des Seins. Und ärgere mich darüber, das Telefon zu Hause gelassen zu haben.

Aber wie hält man diese Erfahrung sonst fest?


Wie kann ich dieses Bild – 
und den Zustand – festhalten?

Ihn konservieren?

Für mich und für andere?



Ich möchte es teilen. Das Gefühl und den Zustand, den Moment – innen und außen gleichzeitig – wahrnehmen zu können. Die Ruhe und den Frieden, der sich daraus ergibt – oder der einfach existiert. Immer.


Ich will mich daran erinnern können, auch körperlich. Mich dorthin beamen , wenn die Affen in meinem Kopf mal wieder verrückt spielen und in der Achterbahn des Lebens noch eine weitere Runde fahren wollen, auch wenn ihnen längst schon schlecht ist und sie die Orientierung verloren haben.

Ich bin nicht stehen geblieben bei der Ente. Bin weitergegangen. Habe aber während des Gehens den Blick nicht von ihr abgewendet.

Sie spiegelt sich von allen Seiten in ihrem „eigenen“ Wasser, weil sie still ist. Einfach ist.


Würde sie sich bewegen, würde das das Spiegelbild für einen Moment verzerren. Die Oberfläche geriete ins Wanken. Oder ihre Bewegung würde eine Bewegung im Drumherum auslösen.

Nein.



Noch sitzt sie da. Still. Ruhend. In sich selbst.

Der Hund gräbt neben mir ein Loch in den Sand und läuft mit einer Muschel im Maul an mir vorbei, als hätte er einen Schatz gefunden. Ist ja nicht so, als ob es die einzige Muschel am Strand wäre. Hauptsache, er hat seinen Spaß.

Der Abstand zur Ente wird größer, und ich schlage eine neue Richtung ein. Meine Runde geht nun zurück. Ich drehe eine Schleife.

Ähnlich wie am Anfang kommt wieder der Teil mit dem weichen Sand. Langsameres Gehen. Gebremst durch den Untergrund, der zwar der gleiche ist, aber in einem anderen Zustand.

Nicht nass, sondern trocken. Tragend – und doch einsinkend.

Die Füße hinterlassen Spuren, die unscharf werden, denn der Sand bleibt nicht an Ort und Stelle. Er rieselt wieder ein Stück in die Form zurück und hinterlässt sie sanfter . Unschärfer – und trotzdem erkennbar als Fußabdruck.

Die Pfoten des Hundes sehen eher wie kleine Krater aus. Löcher, die nur erahnen lassen.

Rechts herum beginnt nun der Weg zurück Richtung Haus.

Der Untergrund: Holzdielen. Ein Weg durch die Dünen. Gemacht.

Das Geräusch meiner laufenden Füße ist ein anderes.
Durch den festen Sand: ein Knirschen.
Durch den weichen Sand: fast nicht zu hören.

Und auf den Dielen: klack, klack, klack …



Mir fällt auf, dass sie heute Morgen etwas rutschig sind. Einen kurzen Moment denke ich darüber nach, ob ich vorsichtiger gehen sollte.

Beim Gehen gedacht, gleichzeitig geprüft – und entschieden, das Risiko einzugehen. Einfach weiterzulaufen. Ohne Vorsicht.

Sollte ich ausrutschen, na ja – dann werde ich es wohl überleben.

Klack, klack, klack.



Glück.

Habe ich das nicht schon gestern gelesen? Aber stopp – doch nicht an diesem Mülleimer.


Ich bin kurz verwirrt darüber. Beim Weitergehen fällt mir auf: Glück. Ah, da ist es. Das Glück von gestern.

Und das Fragezeichen in meinem Kopf wird größer.

Warum ist mir nicht schon gestern aufgefallen, dass nicht nur an einem aufgehängten Mülleimer am Holzsteg mit den Sitznischen das Wort „Glück“ steht, sondern an allen?

Denn da steht es wieder. Glück auf dem Mülleimer. Diesmal verblasster, aber es steht da. Auf grünem Untergrund.

Wie konnte ich das nur übersehen?


Ein ganzer Weg von Glück begleitet. 

Geschrieben auf grasgrünem Untergrund. 

Auf Mülleimern.



Glück. Glück. 

Klack, klack …



Ende des Weges.


Zwei Optionen: Asphalt oder durch den weichen Sand zurück ans Ufer?


Links herum.

Weiter auf Untergrund, der fast schon wehtut. Dem Auge. Der Umgebung.

Wer hat sich das ausgedacht?

Hätte es keine andere Möglichkeit gegeben, dem Meer Einhalt zu bieten, wenn es mal wieder tobt und sich das Land Stück für Stück einverleiben möchte?

Geteerter Untergrund. Vielleicht aus der Not heraus entstanden, um Schlimmeres zu verhindern. Oder dem Meer den Mittelfinger zu zeigen: „Hier gibt es nichts mehr zu holen.“



Weh tut es trotzdem. Diese schwarze Fläche inmitten einer natürlichen Umgebung.

Wie es hier wohl anders aussehen würde?



Sicherlich könnte und würde mein Weg heute Morgen dann nicht hier zurückführen. Ob es mich stören würde? Ich glaube nicht. Dann wäre es einfach anders. Und es würde einen anderen Weg geben, der hier entlangführt – oder eben nicht.



Der Hund läuft unterdessen aufmerksam direkt an meiner Seite, denn seit einiger Zeit geht vor uns ein anderer Hund seinen Weg, ein paar Meter vor uns her.

Das Herrchen mit seinem Vierbeiner.



Mein Hund muss Zeitung lesen und Informationen darüber sammeln, ob das Geschöpf vor uns interessant ist.



„Na, Malo, hast du herausgefunden, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, das vor uns läuft?“



Interesse hat meine Frage bei dem Hund nicht geweckt. Er schnüffelt weiter – ohne einen Anschein davon, dass meine Frage überhaupt eine Wichtigkeit hätte.



Noch zwei Bänke, dann biege ich wieder links ab.



Zurück durch den weichen Sand der Düne. Über ein Stück Grasweg. Den teilweise geschotterten Erdweg. Durch den Privatweg. Entlang des Wäldchens. Durch das Törchen. Durch den Garten mit dem moosbewachsenen Boden. Entlang des angedeuteten Weges zurück zum Haus.

Ein bisschen Kies.
Eine Treppe.

Gummistiefel aus.
Tür auf. 

Flur. 

Küche.


Und jetzt: Kaffee.

Ach ja – die Ente habe ich übrigens nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich hat sie sich lange genug im Zustand des Seins gesuhlt. Oder tut es einfach weiter. An anderer Stelle.