Ist es nicht wunderbar, dass das Leben einen nie – und ich meine wirklich nie – im Stich lässt und weiterhin schön für Entwicklung sorgt?
Indem es einfach kontinuierlich Möglichkeiten schafft, damit es nicht zu groß wird.
Kaum denken wir:
„Jep, ich habe es verstanden. Jawoll, ich hab’s. Ich habe es gecheckt und kann mich entspannt zurücklehnen“,
schafft das Leben weitere Möglichkeiten oder klappert alle alten Trigger noch einmal ab.
Das macht es nicht weniger anstrengend, und doch ist es teilweise so viel leichter.
Denn die innerliche Intensität lässt von Mal zu Mal nach.
Durch die Auseinandersetzung mit mir selbst und das dadurch gewachsene Bewusstsein ist es gar nicht mehr so schwer, sich den Prozessen vertrauensvoll hinzugeben.
Und mit der Zeit wird es tatsächlich leichter.
Auch die Erkenntnis, dass man nicht daran stirbt – selbst dann nicht, wenn man sich vollends in die Gefühle hineinbegibt und sich allem hingibt, auch den schweren wie der Trauer, die im Körper spürbar wird – lässt den Moment der Anstrengung oder des Wachstumsschmerzes
etwas erträglicher werden.
Mit allem, was im jetzigen Moment dazugehört.
Keiner hat gesagt, dass das Leben leicht ist, und keiner hat gesagt, dass sich Häutung einfach so vollzieht.
Naja, in der Regel – oder wenn man ins Tierreich schaut – schon.
Aber auch hier können wir die Schlange nicht danach fragen: „Na, tut’s weh?“
Manchmal zeigt uns die Natur solche Prozesse ganz unmittelbar.
Da fällt mir ein Moment ein.
Ich konnte einmal beobachten, wie ein Küken aus dem Ei schlüpft.
Geduld, hat eine innere Stimme zu mir gesagt.
Geduld – das Küken muss es alleine schaffen.
Und doch war die Versuchung riesengroß, dem Kleinen seine Last abzunehmen.
Unsere Tochter konnte dem Mitleid nicht widerstehen.
Ob sie ihm dabei wirklich geholfen hat oder ob sie ihm einen entscheidenden Moment „im Werden“ abgenommen hat, lässt sich nicht sagen.
Beobachten konnte ich nur, dass die Küken, die es von alleine offensichtlich nicht geschafft hätten, auch dann nicht gerettet werden konnten, wenn man ihnen die Last abnahm und ihnen zu Hilfe eilte.
Sie sind trotzdem eingegangen.
Und die Tränen sowie die Fragen und das Gefühl von Schuld sind geblieben.
Denn auch wenn die Ungeduld gesiegt hat, weiß man doch instinktiv,
dass es richtiger gewesen wäre, das Küken sich selbst zu überlassen.
Kommt das schlechte Gewissen genau daher, dass man tief drinnen weiß, was das Richtige ist, aber das Ego oder der Gottmensch sich dann doch über die Natur stellt und denkt: „Ich mach das schon und weiß, was das Richtige ist.“
Oder eher:
Es weiß, dass du weißt und dass ich weiß – deshalb wissen wir, was richtig und falsch ist.
Wir können nur nicht ertragen, dass das Leben entscheidet – nicht wir –, wie es mit dem Leben weitergeht.
Warum ist der Menschheit nicht bewusst, dass diese Form der Überheblichkeit eine Menge Energie, Fokus und Potenzial bindet?
Und da komme ich wieder zu einem meiner Lieblingswörter:
Kontrolle.
Wie um Himmels willen kommen wir darauf, dass wir kontrollieren können und die Macht dazu haben, ins Leben einzugreifen?
Sind wir so dermaßen verblendet, dass wir – wie ein Kind – wirklich davon ausgehen, dass das Gegenüber es nicht erkennt, sobald es seine Augen zuhält?
„Wenn ich dich nicht sehe, siehst du mich auch nicht.“
Wäre wunderbar.
Nur entspricht es so gar nicht der Realität.
Das Leben sieht uns trotzdem.
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