Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Mit meinem Geist ist es ungefähr so wie mit dem wunderbaren Bild, das uns Hollywood in allerlei Ausführungen eingetrichtert hat. Ich bin der Gassi-geh-Service, der mit 20 Hunden an 20 Leinen durch den Central Park gezogen wird.

Dackel nach links, Dogge nach rechts, der Mops kann und will nicht mehr laufen, der Chihuahua kläfft wie eine Sirene kurz vor Weltuntergang und der Bobtail liegt wie ein Teppich auf dem Boden und lässt sich widerstandslos hinterherziehen. Gleichzeitig scheißt ein Teil auf die anderen und der andere hat dauerhaft, ständig und immer Hunger.

Ah, und die Abgelenkten – hätte ich fast vergessen – schließlich gibt es viel zu ent… äh, erschnüffeln. Meistens an der Scheiße der anderen. Die ist schließlich immer interessanter als di eigenen Hinterlassenschaften und richtet den Fokus schön weit weg von sich selbst. Naja, bis zu dem Zeitpunkt, an dem drüber gepinkelt wird. Kann ja nicht sein, dass jemand mein Revier beansprucht. Wir wollen schon bei der eigenen Vorstellung bleiben und Größe demonstrieren.

Was juckt es mich denn, direkt und ohne Umschweife meinen eigenen Haufen mitten auf den Weg zu setzen? Ich habe mich ja nur „erleichtert“. Drüber steigen oder reintreten – ja, das tun dann wieder nur die anderen und ist nicht mehr mein Problem.

Auch interessant, dass mir der Labradoodle in der Runde einen Floh in den Pelz gesetzt hat. Laut seiner Überzeugung ist das der beste Floh, den man haben kann. Schließlich führt er mich zum heiligen Gral, also zum größten Knochen aller Zeiten im Leberwurstland, wo an jedem Baum ein Schweineohr hängt und Hühnerbrühe und Honig fließen.

Heyyyy, du Taube…

bleib hier!

Was fliegst du denn davon? Hach, diese Ablenkung – da kam doch gleich ein bisschen Leben in die Bude. Aber huch, wo bin ich denn? Hilfe. Naja, immer schön dem Rudel nach. Die werden schon wissen, wo es langgeht. Dem Eichhörnchen hinterher, schnurstracks geradeaus, nicht über Los und nicht an der roten Ampel anhalten. Schnurstracks geradeaus, nicht dass man sich noch im Kreis dreht.

Hussa, das andere Ende der Leine sieht schon ganz schön überfordert und mitgenommen aus – fast schon außer Puste, die Person mit der Bommelmütze und dem dicken Pelz an. Menschen muss man verstehen… Wie kann man nur den dicken Mantel anziehen? Es ist Frühling, nicht tiefster Winter.

Ein bisschen tut es mir dann doch leid, mit den Schweißperlen auf der Stirn und dem hochroten Kopf.

Pause auf der Parkbank. Völlige Erschöpfung und Resignation – aber vor allem Wut. Wie kann man nur so einen Job annehmen? Und warum habe ich mich nicht mehr angestrengt? Früher in der Schule… habe artig dem Lehrer gefolgt und diszipliniert Vokabeln gelernt, in Mathe aufgepasst und mich richtig in Chemie an die Anweisungen von Frau Schmitt gehalten, anstatt das Klassenzimmer zu sprengen. Dann könnte ich jetzt etwas Gescheites machen und müsste nicht die Hunde der anderen ausführen! Und alles nur, weil ich das Geld brauche, um meine Miete bezahlen zu können.

Ich binde die nervigen Objekte, auf die ich „nur“ aufpassen muss, einfach hier am nächsten Baum fest und mache mich dann heimlich aus dem Staub. Merkt ja keiner…

Aber nein – der Vertrag. Ich kann doch die liebgewonnenen Beziehungen der anderen nicht einfach aussetzen. Die Verpflichtung, sie wieder heil zu Hause abzugeben.

Haaaalt…

Vor lauter Gedankenauflauf und Selbstmitleid schaue ich in Zeitlupe dabei zu, wie sich die Promenadenmischung aus dem Staub macht und das Weite sucht. Fast bin ich neidisch auf die Freiheit, die sich das Köterchen einfach mal so selbst genommen hat, weil es ihm gelungen ist, aus dem Halsband zu schlüpfen. Da hängt es nun, das mit Strasssteinchen besetzte Band an einer leeren Leine.

Angestachelt von so viel Bewegungsdrang rennt die Meute hinterher. Schluss mit Pause, Schluss mit lustig. Wie soll ich nur den Ausreißer einfangen, wenn hier 19 weitere Leinen an mir herumzerren?

Die Leinen um meine Beine gewickelt und den Rest fest in der Hand stehe ich im Zentrum des Wahnsinns und fange an, über mich selbst lauthals zu lachen.

Von oben betrachtet muss ich aussehen wie ein Stern, dessen Strahlen sich in alle Richtungen ausbreiten wollen. Der Einzige, der mich davon abhält – da es ja so verdammt wichtig ist, die Kontrolle zu behalten – bin ich selbst.

Und so stehe ich da im Mittelpunkt zwischen Zerren, Bellen, Schnüffeln und unkontrolliertem Tiersein, schaue nach oben und lasse los, um meinem Geist endlich einmal Freilauf zu geben.